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Rüdinger

Bautz Band VIII (1994)Spalten 952-956 Autor: Franz Machilek

RÜDINGER (Rüdiger), Esrom (Pape[n]bergensis), * 19.5. 1523 Bamberg, + 2.12. 1590 Nürnberg, Philologe, philippistischer Theologe, Geschichtschreiber der Unität der Böhmischen Brüder. - Der wohl von Kind auf im evangelischen Glauben Erzogene studierte seit 1535 an der Philosophischen (Artistischen) Fakultät der Universität Leipzig, erlangte im Sommersemster 1539 das Bakkalariat, im Wintersemester 1545 das Magisterium und begann anschließend hier selbst mit seiner Lehrtätigkeit. Seine besonderen Förderer in Leipzig waren W. Meurer und der gleichfalls aus Bamberg stammende, seit 1541 am Ort wirkende Joachim Camerarius d.Ä. Letzterer nahm R. in sein Haus auf und beauftragte ihn mit der Erziehung seiner Söhne sowie des gleichfalls im Hause wohnenden Grafen Michael von Wertheim.

Aus dem von R. erteilten Griechischunterricht erwuchs seine 1552 in Leipzig gedruckte griechische »Arithmologia«. Auf Empfehlung des Camerarius wurde R. 1547 als zweiter Lehrer (Collega prior) an die Schule zu Pforta berufen, mußte diese Stelle aber entsprechend den für die Anstellung geltenden Bestimmungen bereits im Jahr darauf vor seiner Verehelichung mit Anna, der Tochter des J. Camerarius, aufgeben.

R. kehrte nach Leipzig zurück, bezog erneut im Haus seines nunmehrigen Schwiegervaters Wohnung, unterstützte diesen bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten und hielt Vorlesungen an der Universität über Vergil. Auf Empfehlung Melanchthons wechselte R. im Herbst 1549 an die Zwickauer Schule, die er bis 1557 leitete, der er eine neue Schulordnung gab und an welcher u.a. der Dichter Paulus Melissus (Schede) aus Mellrichstadt in Franken zu seinen Schülern zählte. In den nach einiger Zeit ausbrechenden Differenzen R.s mit den Zwickauer Geistlichen - den Anstoß hatte nach seiner eigenen Aussage die von ihm im sog. majoristischen Streit vertretene Auffassung von der Notwendigkeit der guten Werke gegeben - wurde er vor allem von Schede unterstützt.

Dank des neuerlichen Einsatzes von Melanchthon erlangte R. im Herbst 1557 die Professur für Physik an der Universität Wittenberg. Nach seiner eigenen Angabe trug er neben der Physik auch über Philosophie allgemein, speziell über Ethik, sowie über griechische Literatur vor. Von seinen damals verfaßten Werken erschien seine »Apologia Socratis Platonica« 1591 postum in Nürnberg im Druck. In den Jahren 1559 und 1570 amtierte R. als Dekan der Philosophischen Fakultät, im Wintersemster 1562/63 als Rektor der Universität in Wittenberg. Nach dem Tod seiner ersten Frau (1558) heiratete R. Anna Weseneck. In Wittenberg zählte eine größere Zahl von Mitgliedern der Unität der Böhmischen Brüder zu seinen Hörern, darunter der 1571 zum Senior für Mähren gewählte Andreas Štefan (+ 1577) sowie eine Reihe mährischer Adliger. Auf Wunsch der brüderischen Senioren nach einer Neufassung der brüderischen Konfession von 1535/38 stellte er 1573 eine verbesserte lateinische Textfassung her.

R.s lebhafte Teilnahme an den Lehrauseinandersetzungen in Wittenberg führte in den siebziger Jahren zum Konflikt mit der dort herrschenden theologischen Richtung. Im Zuge des zweiten Abendmahlsstreites saß R. wegen seiner Weigerung, die Torgauer Artikel zu unterschreiben, kurze Zeit in Torgau im Gefängnis ein, konnte danach nach Wittenberg zurückkehren, mußte 1574 Kursachsen als Kryptocalvinist verlassen und hielt sich daraufhin vorübergehend in Berlin auf. Er erhielt Angebote zum Asyl in Basel und Heidelberg, zog diesen Orten aber den Ruf von seiten der Brüderunität und des mährischen Adels an die im mährischen Zentrum der Unität zu Eibenschitz (IvanÚice) bei Brünn vornehmlich zur Erziehung der Söhne des Adels errichtete gehobene Schule vor. Seiner Berufung gingen Kontakte des mährischen Adels mit dem Hugenotten Hubert Lagnet (+ 1581), Joachim Camerarius d.J. (+ 1598) und dem in Mähren politisch einflußreichen Arzt Thomas Jordan von Klausenburg (+ 1586) voraus.

1575 übernahm R. die Leitung der Eibenschitzer Schule, die unter ihm zu einer der besten der Unität aufstieg. Die bereits in Wittenberg geknüpften Beziehungen zu Angehörigen der Familien von Öerotín und Zastòizlý lebten nun neu auf. U.a. zählten in Eibenschitz Karl von Öerotín d.Ä. (+ 1637), der spätere Konvertit Karl von Liechtenstein (+ 1627) sowie Georg von Hodice (+ 1612) zu R.s Schülern. In Mähren verstärkte sich R.s calvinistische Ausrichtung. Er regte Georg Strejc (Vetter) (+ 1599), den calvinistisch gesinnten Mitarbeiter der Brüder an der »Confessio Bohemica« von 1575, zur Umdichtung der Psalmen nach Abraham Lobwasser und den Hugenottenmelodien an.

Obwohl er die hebräische Sprache nicht beherrschte, befaßte er sich besonders eingehend mit den Psalmen. Sein aus dieser Beschäftigung noch in Eibenschitz erwachsenenes Hauptwerk (»Libri psalmorum paraphrasis latina«) erschien nach seinem Tod 1589/91 in drei Bänden in Görlitz im Druck. 1579 verfaßte R. eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Daten des Brüdertums: »De fratrum orthodoxorum in Bohemia et Moravia ecclesiolis narratiuncula«, die in die »Historica narratio de fratrum orthodoxorum ecclesiis in Bohemia, Moravia et Polonia« des Joachim Camerarius, herausgegeben von dessen Enkel Ludwig Camerarius, Aufnahme fand (2 Bde., Heidelberg 1605 [ND Hildesheim 1980], R.s Narratiuncula 145-162). Von seiten der katholischen Kirche bemühte sich der Olmützer Bischof Stanislaus Pavlovský von Pavlovice (1579-1598) u.a.. am Kaiserhof um die Entlassung R.s und die Schließung der Schule zu Eibenschitz. 1583 erhielt der Erblandmarschall Hermann von Lippa als Grundherr von Eibenschitz den Befehl, sich der Person R.s zu bemächtigen und ihn dem Olmützer Bischof auszuliefern.

Die Versuche, ihn auszuschalten, dazu das Erlahmen des Interesses einiger mährischer Adliger an der Schule, das Ausbleiben regelmäßiger Besoldung, der Tod seiner zweiten Frau (1587) und eine rasch voranschreitende Gliederkrankheit führten schließlich dazu, daß R. dem Drängen seiner in Nürnberg lebenden Schwester Tamara Nützel nachgab, 1588 nach Franken zurückkehrte und sich in der Reichsstadt Nürnberg niederließ.

Er trat hier u.a. mit dem Theologen Lorenz Dürnhofer bei St. Egidien und dem Altdorfer Rechtsgelehrten Hugo Donellus in Verbindung. 1589 wurde er als früherer Wittenberger Professor in die Matrikel der nürnbergischen Hochschule zu Altdorf eingetragen. Für eine Lehrtätigkeit an dieser war er wohl bereits zu schwach und gebrechlich. Hochverehrt wurde R. insbesondere durch den Altdorfer Juristen Konrad Rittershausen. R. war in seinen letzten Lebensjahren einer der Hauptvermittler der Kenntnis des brüderischen Bekenntnisses in Deutschland und stand zu dieser Zeit u.a. auch mit Theodor Beza, Calvins Nachfolger in Genf und Freund der Brüderunität, in freundschaftlichem Briefkontakt. Zu den von ihm in Nürnberg verfaßten Schriften gehörte insbesondere sein »Endéxion tunica funebris ex tela paradisi ad dextram crucis Christi, Luc. 23,43« (Nürnberg 1590); deutsch: »Sterbkittel, gesponnen aus dem Paradieß, zur Rechten des Kreuzes Christi, Luc. 23« (Nürnberg 1591). Von den nach R.s Tod gedruckten Werken verdient noch die 1597 in Genf gedruckte Schrift »De origine ubiquitatis« besondere Erwähnung.

Werke: Verzeichnisse finden sich u.a. in: Jöcher, Gelehrten-Lexicon 3, 2294 f; J. H. Jäck, Pantheon der Literaten und Künstler Bambergs, Nr. 134, Bamberg/Erlangen 1814, 954-959; RE 3. Aufl., Bd. 17, 191-193.

Lit.: J. F. Köhler, Esromus Rüdinger. Beytrag zur Gelehrtengeschichte des 16. Jahrhunderts, in: Dreßdener Gelehrte Anzeigen von 1790, XXV. bis XXVIII. Stück; - G. T. Strobel, Esrom Rüdingers Leben und Schriften, in: Neue Beiträge zur Literatur, bes. des 16. Jahrhunderts, Bd. 2, 1. Stück (1791); - J. Bidlo, O konfesí z r. 1573, in: Sborník prací historických [Festschrift f. Jaroslav Goll] (1906) 246-278; - N. Müller, Melanchthons letzte Lebenstage, Heimgang und Bestattung (1910) 100 ff.; - W. Friedensburg, Geschichte der Universität Wittenberg (1917) 282 f.; - F. M. Bartoš, Statuts scolaires d'Esrom Rüdinger, in: ªasopis Matice moravské 47 (1923) 195 ff.; - R. Klauser, Unbekannte fränkische Humanisten. Georg Helt aus Forchheim und Esrom Rüdinger aus Bamberg, in: Fränkische Blätter 7 (1955) 49 f., 66 f.; - A. Molnár, ªeskobratrská výchova pòed Komenským (1956) 200-227; - H. Kunstmann, Die Nürnberger Universität Altdorf und Böhmen. Beiträge zur Erforschung der Ostbeziehungen deutscher Universitäten (1963) 36 f., 59-64, 67, Anm. 9, 119; - O. Odloþilík,

Die Wittenberger Philippisten und die Brüderunität, in: Ost und West in der Geschichte des Denkens und der kulturellen Beziehungen. Festschrift für Eduard Winter, red. H. Mohr u. C. Grau (1966) 106-118; - F. Hrubý, Etudiants tchèques aux écoles protestantes de l'Europe occidentale à la fin du 16e et au début du 17e siècle. Documents prép. pour l'édition par L. Urbánková-Hrubá, préface par B. Šindeláò (Opera Universitatis Purkynianae Brunensis, Facultas philosophica 152) (1970) Reg.; - A. Molnár, Die böhmische Brüderunität. Abriß ihrer Geschichte, in: Unitas fratrum. Herrnhuter Studien, hrsg. v. M. P. van Buijtenen, C. Dekker, H. Leeuwenberg, Utrecht 1975, 15-34, hier 30; - F. Machilek, Böhmische Brüder, in: TRE 7 (1980) 1-8, hier 5; - J. Lehmann, Literatur und Geistesleben, in: Oberfranken in der Neuzeit bis zum Ende des Alten Reiches, hrsg. v. Elisabeth Roth (1984) 279-375, hier 299 f.; - F. Seibt, Deutschland und die Tschechen. Geschichte einer Nachbarschaft in der Mitte Europas (Serie Piper 1632) (1993) 167 f. - ADB 29, 470; - Ottùv Slovník nauÚný 22, 63 f.; - RGG 3. Aufl. 5, 1208; - Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder 3, Liefg. 7, 542.

Quellen:

Bautz Traugott / Franz Machilek  

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